Ich weine heute noch um Irmchen
 

Alexander Condradt ist Redakteur der "Berliner Zeitung" und schreibt auch für "Tier Bild". Der Autor der "Irmchen"-Bücher schreibt hier exklusiv für spanischehunde.de über den Tod seines Romanhelden aus Mallorca.

Träume von Avalon
Alexander Conradt

 

 

 

 

copyright Text by spanischehunde.de, Bilder by Alexander Conradt

 

Wenn ein geliebtes Tier stirbt, ist dies oftmals der schlimmste Moment im Leben eines Menschen. Ein Schmerz, der einen nicht selten ein ganzes Leben lang begleitet. Die Tiere unsere Freunde und Partner, schenken uns nur Liebe. Sie kennen weder Hass noch Leid wieder Egoismus noch Missgunst. Rund 700.000 Haustiere Leben in Berlin. Und ihre Besitzer wissen, dass am Ende dieser innigen Freundschaft stets der schwere Augenblick des Abschieds wartet. Zeitungsredakteur Alexander Conradt, Autor der Irmchen Romane, erzählt zum ersten Mal aus dem Leben seines Romanhelden, schildert seine Empfindungen, als er seinem geliebten Kater für immer "Adieu" sagen musste. Er gesteht: " ich weinen heute noch um Irmchen!" Und lässt sich sicher: "ich werde Irmchen und alle meine anderen Katzen eines Tages am Ende der Regenbogenbrücke wieder treffen."

 

Ich werde diesen Tag nie vergessen - jenen 20. August 1999. Ein grau verhangener Tag mitten im Hochsommer. Dicke Wolken türmten sich am Himmel. Die Blätter an den Zweigen unserer alten Kastanie im Garten tanzten im Wind. Ich saß auf einem alten Stuhl auf meine Terrasse. Tränen kullerten über meine Wangen. Immer wieder streichelte ich das seidige Fell meines Lieblingskaters Irmchen, der sterbend in meinen Armen lag. Ich musste schlucken, fühlte, dass mit der Schmerz die Kehle zuschnürte.

 

Ich sprach zu ihm

 

Irmchen, der wohl spürte, dass dies die Stunde des Abschied des war, sah mich an. Und während ich sein Pfötchen hielt, sprach ich Leise zu ihm, jenen kleinen schwarzen Zausel mit dem weißen Fleck auf der Brust, der mein Leben verändert hatte und der mir - neben meiner Familie - mehr bedeutete als alles andere auf der Welt: "He, kleiner Liebling", flüsterte ich, " schau dir noch einmal die Wolken an, den Himmel. Sieh die alte Kastanie und die Blumen im Garten. Warum musst du mich verlassen? Warum konnte ich dir nicht helfen? ". Ich weinte, so wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr getan hatte.

 

Damals auf Mallorca

 

Und in dieser Abschiedsstunde, es war so gegen 14 Uhr, gingen meine Erinnerungen weit zurück. Plötzlich stand ich wieder in jener Gasse in der Altstadt von Palma de Mallorca - damals im September 1989. Ein sonniger Herbsttag, an dem das milde Licht die Dächer der Häuser mit einem hauchzarten goldenen Schimmer überzog. Da saß er, winzig klein, noch ein Baby. Er hockte in einer Toreinfahrt auf einen Berg von Müll. Die Menschen liefen achtlos an ihm vorüber. Der kleine Kater, der später mit einem Mädchennamen berühmt werden sollte, hatte alle Katzenparasiten dieser Erde: Milben, Flöhe, Würmer. Dazu war sein Körper mit einer schuppigen Flechte überzogen. Er ähnelte mehr einer Kröte als einen Kater. Und doch, es war Liebe auf den ersten Blick. Eine erste Frau Martina, die von einem Tierheim auf der Insel gehört hatte, schlug vor, dieses kranke und hässliche Häufchen Elend dorthin zu bringen.

 

Schon sechs Katzen

 

So geschah es, und wir lernten Jane Reynolds kennen, die mit 86 Jahren, ohne Geld, aber einen großen Herzen voller Tierliebe, die ausgesetzten Streuner der Insel aufnahm. " Natürlich nehmen wir dieses Würstchen nicht mit nach Berlin", versprach ich meiner Frau, " wir haben ja schon sechs Katzen ". Doch am Tag der Abreise - wir besuchten Irmchen jeden Tag im Tierheim - siegte die Stimme des Herzens. Der kleine Streuner schaute spitzbübisch aus dem Fenster des Flugzeuges, als die Insel unter uns auf Spielzeuggröße schrumpfte. Ein Name für den kleinen Neu-Berliner Arbeit gefunden. Da wir Ihn im Liebesviertel Palmas entdeckt hatten und ihn anfänglich für ein Mädchen hielten, nannten wir Ihnen Irmchen, nach Irma La Douce.

 

Mein erster Roman

 

Unsere Ehe ging wenig später in die Brüche. Was blieb, waren Erinnerungen - und Irmchen. Obwohl er sich bald als stattlicher Kater entpuppte, blieb es bei den Namen. Ich teilte meine Einsamkeit mit inzwischen acht Katzen und hatte die zündende Idee: einen Roman zu schreiben. Nach wenigen Monaten war das erste Buch fertig. Es folgten Irmchen 2, Irmchen 3 und 4. Es war damals, Anfang der 90er Jahre - die große Zeit erklärte der Katzenromane. Irmchen wurde zum Medienstar und zum Liebling aller Katzenbesitzer. Journalistenkollegen kamen, schrieben große Reportagen, TV-Teams drehten Beiträge für ihre Sender. Ich tingelte durch die Rundfunkanstalten. Es gab von Irmchen Anstecknadeln, Stoffkatzen, Postkartenbücher, Poster, Videos und sogar Irmchen Künstlerpuppen. Und ich sammelte Geld für ein Katzenheim auf Mallorca, das immer noch nicht fertig ist, weil Tiergegner das bis heute verhindern. Die juristische Auseinandersetzung dauert noch an.

 

Glückliche Katzenjahre

 

Zuhause aber, in unserer alten Tempelhofer Wohnung, gab es nur meine Katzen und mich. Sie begrüßten mich, wenn ich die Tür öffnete, drängelten sich um den Futternapf. Allen voran Irmchen, der immer den Eindruck erweckte, gleich verhungern zu müssen. Er war - dankbar für seine Rettung - der größte Schuster von allen. Morgens kitzelte er mich mit seinem Pfötchen solange, bis ich aufwachte. Im Bad spielte er mit der Seife, zog die Handtücher vom Halter, tänzelte um meine Füße. Beim Frühstück angelte er meine Cornflakes aus der Frühstücksschüssel und benutzte meine Beine als Kratzbaum. Oder er stupste mit seinem schwarzen Köpfchen so heftig gegen meine riesige Teetasse, dass der Inhalt regelmäßig über mein T-Shirt kleckerte.

 

Nächtlicher Begleiter

 

Irmchen spielte ausgelassen mit mir, wenn ich fröhlich war. Er legte sich auf meinen Schoß, um mich zu trösten, wenn ich Traurigkeit empfand. Und er hatte eine besondere Angewohnheit: wann immer ich mich nachts an meinen Schreibtisch setzte - "bewaffnet " mit Schokolade, Brandy und Zigaretten - um ein neues Kapitel "seiner" Bücher zu schreiben rollte sich mein mallorquinischer Streuner auf dem Schoß oder neben meinem Laptop ein und begleitete mich durch die Nacht. Ich glaube, er liebte mich so sehr wie ich ihn. Und aus der Rückschau scheint es mir, als ob er mir die Geschichten erzählte, die ich niederschrieb. Das war es wohl, was ihn zu einem ganz besonderen Kater machte. Ich habe dieses Phänomen später nie wieder bei einem anderen Tier erlebt.

Die Wochenenden gehörten ausschließlich dem Katzenspiel. Wann immer es dabei Prügeleien gab, Irmchen, inzwischen groß und 10 Kilo schwer, schlug alle anderen Katzen in die Flucht. Er wusste immer, wann "Herrchen" nach Hause kam. Wenn ich mit meinem alten Ford um die Ecke bog, saß er zusammen mit seinem Freund Ludwig auf dem Balkon und begrüßte mich mit seiner maunzenden Piepsstimme. Irgendwann lagen nachts 15 Schmuser bei mir im Bett – und wir waren alle glücklich.

Bitte keine Frauen

 

Damenbesuche waren verboten. Ein einziger Versuch meinerseits ging gründlich daneben. Als die unausgeschlafene Begleiterin der Nacht morgens ihr Kleid anziehen wollte, hatte Irmchen frech darauf gepinkelt. Kein menschliches Wesen durfte also diese Idylle stören - ein Plan, der dann aber doch irgendwann der Vergangenheit angehörte. Wenn man mein Verleger Hubert W. Holzinger lernte ich meine zweite Frau kennen, die ebenfalls ein Katzenmensch war und gnädig aufgenommen wurde.

Und nach wenigen Jahren schubste mich das Schicksal in ein neues Glück. Meine Kinder Jonas, Max und Elisabeth wurden geboren.

Conradts zogen in ein Reihenhaus, wir waren eine glückliche Großfamilie.

 

Medizin aus den USA

 

Eines Tages aber entdeckte ich, dass Irmchen unter Durchfall litt. "Das geht auch wieder weg", dachte ich, setzte meinen Bestseller-Kater auf Diät. Doch die Krankheit kehrte zurück. Immer wieder und immer häufiger. Ich wechselte den Tierarzt, versuchte es mit neuen Medikamenten, hoffte auf Homöopathie. Sechs Ärzte kämpften verzweifelt um Irmchens Leben. Das wurden sogar spezielle Medikamente in Amerika extra für ihn entwickelt. Mein schwarzer Zausel bekam Infusionen, Spezialitäten. Doch nichts half.

 

Letzte Schmusestunden

 

Am Abend, bevor sein ausgemergelter kranker Körper zusammenbrach, kann Irmchen noch einmal zu mir - als wollte er Abschied nehmen. Ich lag auf der Couch und Wohnzimmer. Irmchen legte sich auf meine Brust, schloss die Augen und schnurrte. Und wieder streichelte ich sein Köpfchen, wie ich es immer getan hatte, bevor er in meinen Armen eingeschlafen war.

So wie mir wird es wohl vielen Tierfreunden gehen. Sie sehnen sich noch einmal nach diesen Momenten des stillen Glückes mit dem geliebten Tier.

Und sie machen sich oft - so wie ich - Vorwürfe: Hätte ich nicht noch viel mehr tun müssen? Hätte ich ihm nicht noch mehr Liebe schenken müssen? Hätte, hätte, hätte!

Am nächsten Morgen lag Irmchen in einer Ecke des Wohnzimmers. Wann immer er versuchte, sich zu erheben, brachen die Hinterpfoten weg.

Panik! Redaktion anrufen! Urlaub nehmen, Tierarzt! Irmchen retten!

Alle Gedanken schossen gleichzeitig durch meinen Kopf. 30 Minuten später sah sich mein Tierarzt Irmchen an und machte das erste Gesicht, dass Tierärzte immer machen, wenn sie nichts mehr tun können

 

Retten Sie Irmchen

 

Ich wollte es nicht wahrhaben. Ein beliebtes Irmchen, sterben! "Versuchen Sie alles, was in ihrer Macht steht, retten Sie meinen geliebten Kater - um jeden Preis!"

Doch Irmchens Lebenswille erlosch. Da war er, jener 20. August 1999, der Tag, von dem ich mich immer so sehr gefürchtet hatte. An diesem Nachmittag wussten wir beide, dass wir Abschied nehmen mussten. Eine Stunde lang sah sich mit meinem Zausel auf der Terrasse. Ich wollte, dass das letzte, was er sah, die Schönheiten der Natur sind: die Wolken am Himmel, die Blumen im Garten und unsere alte Kastanie.

Schließlich rief ich über Handy meine Frau an, bat sie, mich auf diesen letzten Weg zu begleiten.

 

Er sah mich an

 

Wenn ich heute, nach drei Jahren, zurück denke, habe ich die gleichen Empfindungen wie einst: Der Schmerz, ein geliebtes Tier für immer zu verlieren, ist so groß, dass man all die Dinge, die man tut, wie in Trance erlebt.

Irmchen musste nicht leiden. Als man Tierärzte in die Spritze gab, lag sein Köpfchen in meiner Hand. Seine bernsteinfarbenen Augen blickten mich an. Er war ganz ruhig. Sein Herz hörte einfach auf zu schlagen. Das ist ein Gedicht, das viele Tierfreunde kennen. Es heißt "die Regenbogenbrücke": ... Wenn ein geliebtes Tier geht, dann wartet es am Ende die dieser Brücke auf seinen Menschen.

Eines Tages, wenn auch wir über diese Brücke gehen, denn wir uns wieder treffen. Und dann werden wir nie wieder getrennt sein.

 

Engel im Garten

 

Ich habe in meinem Garten für meine geliebten Tiere einen Katzenfriedhof angelegt, umrahmt von 23 Koniferen. Ein großer betender Engel behütet den Schlaf meiner Katzen. Wenn ich abends aus der Redaktion komme, sitze ich immer noch einen Augenblick auf einer Bank bei meinen toten Lieblingen, rauche eine Zigarette, trinke einen Brandy. Ob Michi, Spatzimama, Blödi, Sissy oder Irmchen - jeder kleine Streuner hat seinen eigenen Grabstein aus rotem Granit mit goldfarbener oder weißer Inschrift. Und stets wandern meine Gedanken und Träume zurück in jene Zeit, als ich sie fand, irgendwo am Wege, irgendwo auf Mallorca.

Sie hatten bis in alle Ewigkeit zwei Plätze, an denen ich sie finden, wenn ich sie suche: auf meinem kleinen verträumten Friedhof - und in meinem Herzen.

Mallorca, die Insel der traurigen Katzen, habe ich nie wieder besucht.

 

copyright Text by spanischehunde.de, Bilder by Alexander Conradt